DER TANZENDE RABBI
Eine chassidische Geschichte
Die Juden einer kleinen Stadt in Russland erwarteten ungeduldig die Ankunft eines
Rabbi.
Das kam nicht oft vor, und deshalb dachten sie lange über die Fragen nach,
die sie
dem heiligen Mann stellen wollten.
Als er schließlich kam, und sie mit ihm in der großen Halle der Stadt zusammentrafen,
konnte er die Spannung spüren, mit der sie seine Antworten auf ihre Fragen erwarteten.
Zuerst sagte er nichts;
er blickte ihnen nur in die Augen und summte eine schwermütige
Melodie.
Bald begannen alle zu summen.
Er fing an zu singen, und alle sangen mit ihm.
Er
wiegte seinen Körper und tanzte mit feierlichen abgemessenen Schritten.
Die Gemeinde
folgte seinem Beispiel.
Bald waren sie so sehr von dem Tanz gefangen, so sehr in die
Bewegungen vertieft,
dass sie auf nichts anderes mehr achteten;
auf diese Weise wurde
jeder in der Menge wieder ganz,
wurde von der inneren Zersplitterung geheilt, die uns von
der Wahrheit fernhält.
Fast eine Stunde verging, ehe der Tanz langsam aufhörte.
Die Spannung in ihrem Inneren
war gewichen,
und jeder verharrte in dem schweigenden Frieden, der den Raum erfüllte.
Dann sagte der Rabbi die einzigen Worte, die an jenem Abend über seine Lippen kamen:
Ich hoffe, ich habe eure Fragen beantwortet."